Innenrenovierung / Umgestaltung
Stockach - Kirche - St. Oswald
Künstlerwettbewerb und Projektleitung:
Erzbischöfliches Bauamt Konstanz
Planung und Bauleitung:
Architekturbüro Gerhard Lallinger, Markdorf
Die Pfarrkirche St. Oswald thront erhaben an der Höhenkante der Oberstadt von Stockach. Als Zeugnis des Neuen Bauens hat der bekannte Kirchenbaumeister Otto Linder 1932/1933 einen monumentalen, klar geometrisch geformten, fast burgenähnlichen Kirchenbau erschaffen, der stadtbildprägend für Stockach ist.
Im Innern erschloss sich dem Besucher ein ganz von der christozentrischen Theologie geprägter Raum. Durch die Wahl der sich verjüngenden Parabelform mit ihrer vorwärtsdrängenden Dynamik hatte Linder die Konzentration subtil auf das zentrale Geschehen am vielstufig erhöhten Altar und die wuchtig markante Kreuzigungsgruppe von Sutor gelenkt.
Den Leitlinien des 2. Vatikanischen Konzils für liturgische Räume folgend, fand noch unter Büro Linder 1971 eine erste größere Umbaumaßnahme statt. Durch die Positionierung des Zelebrationsaltares auf einer neuen Zwischenebene wurde die Distanz zwischen Klerus und Volk zwar ein Stück weit aufgehoben, allerdings war die architektonische Barriere nicht zuletzt auch durch das Belassen beidseitiger Wandrelikte der ehemaligen Seitenaltäre nach wie vor unverkennbar.
Stark verschmutzte Innenwände, die der zuvor freundlichen und hellen Kirche ein fast erdrückendes Erscheinungsbild bescherten, aber auch klimatische und akustische Beeinträchtigungen verstärkten den Wunsch der Kirchengemeinde, den Raum durch eine umfassende Renovierung wieder deutlich aufzuwerten. Ebenso sollte eine architektonische Umgestaltung vorgenommen werden, die eine wirklich zeitgemäße liturgische Feier ganz im Sinne einer Communiolösung möglich macht.
Herr Architekt Lallinger hat mit seinem Entwurf diesen Anspruch gekonnt umgesetzt. Das Halbrund der neuen Zelebrationsebene aus artgleichem Kalkstein leitet sich ab aus der Parabelform des Raumes. „Der Kreis schließt sich!“ Zweistufig und zum Volk hin ausgerichtet, bildet sie nun das neue liturgische Zentrum mit ausreichend Platz für die gemeinsame Feier um Zelebrationsaltar und Ambo.
Die obere Chorebene, die erhöht über der Unterkirche liegt und folglich baulich nicht veränderbar ist, verbindet sich sozusagen „fließend“ mit der neuen unteren Zelebrationsebene durch eine nun durchgängige Stufenanlage. Darauf sind flexibel der Priestersitz und die Sedilien für bis zu 20 Ministranten angeordnet. Alternativ bietet sie bei Konzerten Platz für Chor und Musiker.
Selbstbewusst stehen die neuen Prinzipalien geschaffen vom Künstlerehepaar Lutzenberger in ihrer monolithischen Form auf der halbrunden Altarinsel. Sie wurden in rötlichem Rochlitzer Porphyr gefertigt, dessen Farbigkeit sich an das Rot der Arkadengänge anlehnt und sich vom dezent gräulichen Kalkstein des Bodens abhebt. Statt der massiv dominierenden Sutor Kreuzigungsgruppe wurde auf der oberen Chorebene scheinbar schwebend ein raumfüllendes Lichtkreuz aus vielen einzelnen Aluminiumstreifen in verschiedenen Gelbtönen installiert. Hier entsteht ein Spiel von Transparenz und Transzendenz, Licht und Schatten, von Materialität und Auflösung.
Im Bereich des Chorumgangs konnte durch geringe Eingriffe in die Bausubstanz ein intimer Raum für die Marienverehrung geschaffen werden. Die Rückwand der „kleinen Kapelle“ zeigt statt einer traditionellen Marienabbildung mit Jesuskind eine auf viele Messingplättchen gedruckte moderne Fotografie einer tief innigen Darstellung von Mutter mit Kind.
Die ehemalige St. Oswaldkapelle unter der Empore wurde zum modernen Raum der Begegnung mit Küchenzeile sowie Tisch- und Stuhlmobiliar umfunktioniert.
Neben den gestalterischen Eingriffen waren umfassende Instandsetzungs- und Restaurierungsarbeiten an der Raumschale und Ausstattung notwendig. Die komplette Technik des Kirchenraumes wurde modernisiert und den heutigen Ansprüchen angepasst.
Die Kirchengemeinde hat mutig in die Zukunft investiert. Das Neue fügt sich scheinbar mühelos und geradezu wie selbstverständlich in die prägnante Architektur der Linderkirche ein.
